Kindheit in Aschaffenburg

Ernst Ludwig Kirchner war ein Aschaffenburger. Er wurde am 6. Mai 1880 um halb 7 Uhr morgens in der Großen Bahnhofstraße 217D (heute Ludwigstraße 19) geboren und verbrachte dire ersten sechs Lebensjahre seiner Kindheit in Aschaffenburg.

Das bis heute fast unverändert erhaltene Haus hatte damals einen großen Garten und lag – was für die künstlerische Entwicklung des Knabens Ernst Ludwig bedeutungsvoll werden sollte – direkt neben dem etwa drei Jahrzehnte zuvor erbauten Bayerisch-Preußischen Grenzbahnhof Aschaffenburg. Vom Fenster im ersten Stock konnte der Knirps das Treiben auf der Straße und am Bahnhof gut beobachten.
Das Leben am Bahnhof und die vorbeifahrenden Züge, die er schon als Dreijähriger festhielt, faszinierten ihn. Sein Vater, der 1880 eine Papiermaschine erfunden hatte und eine Kapazität auf dem Gebiet der Papierherstellung war, vermerkte auf einer Zeichnung: „Ernst allein gezeichnet 21. Jan. 1884”

Diese Kindheitseindrücke am Bahnhof Aschaffenburg wurden prägend für sein späteres künstlerisches Werk. Als Erwachsener schrieb Kirchner in einem Brief: „Als Junge saß ich immer am Fenster und zeichnete, was ich sah; Frauen mit Kinderwagen, Bäume, Eisenbahnzüge, etc., etc….”.

Und in einem Skizzenbuch von 1919:

„Ich will ganz einfach erzählen wie ich dazu kam Maler zu werden. Von 3 Jahren an war immer der Wunsch in mir … darzustellen was an Wundern mein Auge sah in der Natur. [Als] Papierblock holte ich mir altes Conventpapier und mit dem Rotblaustift versuchte ich mich an den Locomotiven, die an meinem Fenster vorüberfuhren und den sehr großen Häusern und den Frauen mit den Sonnenschirmen, die am Bahnhof lang gingen…”

1930 schreibt Kirchner in seinem Davoser Tagebuch:

„Ich bin am Bahnhof geboren. Das erste was ich im Leben sah, waren die fahrenden Lokomotiven und Züge, sie zeichnete ich, als ich drei Jahre alt war. Vielleicht kommt es daher, daß mich besonders die Beobachtung der Bewegung zum Schaffen anregt. Aus ihr kommt mir das gesteigerte Lebensgefühl, das der Ursprung des künstlerischen Werkes ist.”